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Zwischen den Zeilen

Zwischen den Zeilen

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Alle in der Stadt kannten das alte Buchhaus. Es ragte am Rande der Stadt empor, sein morbider Charme und die bröckeligen Steinmauern verliehen ihm eine Aura von Verfall und Zeitlosigkeit. Aber zu seiner wahren Faszination trug das in ihm verborgene Element bei – ein antikes Buch, das so alt war, dass niemand sein genaues Alter kannte.

Maria, eine junge Buchfreundin und Studentin, war von diesem nahezu mythischen Buch fasziniert. Sie verbrachte Tage damit, das mysteriöse Buch zu studieren, das nur als „Der Codex“ bekannt war. Auf seiner verwitterten Oberfläche waren kryptische Symbole und Alphabete eingraviert, so fremd und scheinbar unlesbar.

Marias Studieren führte sie aber zu einer erstaunlichen Entdeckung. Sie bemerkte, dass die Symbole auf dem Buch keine zufällige Anordnung waren. Sie hatte den Eindruck, dass sie, wenn man sie in einem bestimmten Licht betrachtete, leise flüsterten. Jedes Mal, wenn sie versuchte, ihren Freunden davon zu erzählen, lachten sie und schoben es auf ihre blühende Fantasie.

Sie verbrachte viele Tage in der Bibliothek und las das Buch bei Kerzenlicht, in der Hoffnung, das Rätsel zu lösen. Eines Tages, nach durchzechter Nacht, sah sie die Symbole auf dem Buch im schwachen Morgenlicht. Sie waren lebendig, pulsierten mit einer fast musikalischen Resonanz. Und dann geschah es. Sie hörte eine dumpfe, flüsternde Stimme, die von der Seite des Buches zu kommen schien.

Von diesem Moment an änderte sich alles. Jedes Mal, wenn sie die Seiten des Buches öffnete, hörte sie die Stimmen lauter und klarer. Sie erzählten Geschichten von alten Zeiten, von Kriegen, Liebe und Verrat. Die Stimmen gewannen an Kraft und schienen in ihr Bewusstsein zu dringen. Das Echo der Stimmen wurde so intensiv, dass sie selbst im Schlaf kaum Ruhe fand.

In ihrer Verzweiflung wendete sie sich an den alten Bibliothekar, der seit jeher das Buchhaus leitete. Aber seine Reaktion war nicht die von Mitleid oder Leid, sondern von purer Angst. Der Bibliothekar gestand, dass er die Legende des Buches kannte. Es war bekannt, dass der Codex die Fähigkeit besitzt, die Seelen der Leser zu binden und sie in seine tiefgreifenden Erzählungen zu ziehen.

Maria war erschüttert, aber es war zu spät. Die Stimmen waren nun Teil von ihr, sie hörte sie selbst, wenn das Buch geschlossen war. Anstatt die Schönheit ihrer Welt zu genießen, fand sie sich in den dunklen Kapiteln der Geschichte gefangen. Ihre Träume waren voller Albträume von vergangenen Zeiten und sie fühlte eine dunkle Präsenz, die in die hintersten Winkel ihrer Seele einsickerte.

Eines Morgens war Maria verschwunden. Ihr Studentenzimmer war leer, nur das antike Buch lag offen auf ihrem Bett. Das Buch hatte aufgehört zu flüstern, und es gab nur eins, das leiser und bedrohlicher als sein Flüstern war – seine Stille. Seit diesem Tag hat niemand mehr etwas von Maria gehört. Nur das alte Buch bleibt, seine Seiten unberührt und wartend.

Das Buchhaus steht immer noch am Rande der Stadt, seine dunklen Geheimnisse sorgfältig bewahrt. Besucher erzählen immer noch Geschichten von dem Codex und seinen Flüstern. Aber man stellt sich die Frage, ob man wirklich den Mut hätte, das Buch aufzuschlagen und die Geschichten zwischen den Zeilen zu hören. Oder vielleicht, wie Maria, verschwinden, gefangen in den dunklen Kapiteln der Vergangenheit, die niemals ruhen.

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