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Verlorene Schatten

Verlorene Schatten

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Das Sonnenlicht tauchte das Haus am Ende der Straße in einen warmen, verführerischen Glanz. Ein neu zugezogenes Mädchen namens Emily besaß eine unerklärliche Anziehung zu dem leeren Anwesen, seit sie es das erste Mal gesehen hatte. Etwas dort drin rief sie, lockte sie. Ohne weitere Bedenken ging sie eines Abends hinein. Als sie die knarzige Eingangstür öffnete, begrüßten sie verwaiste Möbel unter dicken Staubdecken.

\`Wer wohnt hier?‘, dachte sie und ging vorsichtig weiter. Der Ort schien jahrzehntelang nicht mehr betreten worden zu sein. Es war fast, als würde die Zeit hier stehen. Sie durchsuchte das Haus, bis sie das Hinterzimmer erreichte. Ein Raum, der nur von einem Schwach scheinenden Mondlicht erhellt wurde. In der Mitte befand sich ein riesiger, alter Spiegel, der sie in seinen Bann zog.

Emily trat näher heran und beobachtete ihr eigenes Spiegelbild. Da sah sie es: Ein Schatten, der hinter ihr im Raum stand. Sie zuckte zusammen, drehte sich um, doch da war nichts. Wieder im Spiegel schauend, sah sie den Schatten immer noch dort stehen, hinter ihr. Panisch rannte sie aus dem Haus. Wieder draußen, merkte sie, dass ihr eigener Schatten fehlte.

Tage gingen vorbei, Emily war verängstigt. Ihre Eltern glaubten nicht an ihre Geschichte, sie sagten, es sei produkt ihrer wilden Fantasie. Doch sie wusste es besser. Sie fühlte sich anders. Leer. Als ob ein Teil von ihr fehlte. Sie beschloss, wieder in das Haus zurückzukehren.

Sie zögerte an der Tür, traute sich aber schließlich hinein. Sie gingen direkt zu dem geheimnisvollen Spiegel. Ihr Spiegelbild zeigte noch immer keinen Schatten. Plötzlich hörte sie ein leises Flüstern. Es klang, als ob es aus dem Spiegel kam. Sie trat näher ran und das Flüstern wurde lauter, deutlicher.

‚Gib mir deinen Namen‘, flüsterte die Stimme. Ihre Hand zitterte, als sie ihre Lippen bewegte. „Emily“, sagte sie schließlich. Plötzlich sah sie ihren Schatten wieder hinter ihr. Der Schatten bewegte sich, ganz unabhängig von ihr und drehte sich schließlich zu ihr um. Der Schatten hatte jetzt auch ein Gesicht, ihr Gesicht.

Sie rannte aus dem Haus, schrie. Doch niemand hörte sie. Als sie bei ihrem Elternhaus ankam, waren ihre Eltern verschwunden. Emily rief laut, doch keiner antwortete. Verwirrt lief sie auf die Straße hinaus und sah ihr eigenes Spiegelbild in der Fensterscheibe vom Auto ihres Vaters. Mit Entsetzen erkannte sie, dass sie nur noch ein Schatten war. Ihr eigener Schatten.

Voller Angst kehrte sie zurück zu diesem altertümlichen Haus. Sie flüsterte den Namen „Emily“ erneut in den Spiegel. Der Schatten bewegte sich, nahm Platz in dem Spiegel und Emily fühlte plötzlich einen Ruck durch ihren Körper gehen. Sie konnte sich wieder bewegen, konnte wieder fühlen.

Sie rannte aus dem Haus und sah ihren Schatten wieder hinter sich tanzen, spürte die Wärme der Sonne auf ihrer Haut. Doch irgendetwas war immer noch nicht richtig. Da waren noch mehr Schatten, sie bewegten sich selbstständig, riefen Namen in die Nacht. Sie begriff, das Haus war voll von verlorenen Schatten, die Namen suchten, um sich an sie zu binden, um existieren zu können. Emily lebte nun in der Angst, den falschen Namen zu flüstern und ihren Schatten erneut zu verlieren, oder noch schlimmer, den Schatten von jemand anderen zu stehlen.

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