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Verbotene Rituale

Verbotene Rituale

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Ich hatte meine Studentenwohnung erst vor Kurzem bezogen, als meine knappe Budgetplanung dem Internet den Rücken kehren musste. Somit sollte die altehrwürdige Stadtbibliothek Abhilfe schaffen. Unzählige Bücher stapelten sich bis zur Decke, sorgfältig sortiert und von Staub bedeckt. Stille herrschte, gestört nur durch gelegentliches Husten und Flüstern. Als angehender Geschichtsstudent fand ich die Atmosphäre eigentlich recht charmant.

Es war wahrscheinlich die dritte oder vierte Woche, als mir ein kleines, dickes Buch in die Hände fiel. Versteckt in der hintersten Ecke des Regals, neugierig machte mich der vage Titel „Verbotene Riten“. Also nahm ich es mir nach Hause – ein Fehler, den ich direkt bereuen sollte.

Umgeben von Chips und Cola begann ich mit dem ersten Kapitel. Die Seiten waren vergilbt, der Text schwer lesbar und teilweise kaum zu entziffern. Dennoch fesselte mich das Buch, es war wie eine Tür zu einer anderen Welt. Die Geschichten handelten von alten Zivilisationen, ihren Routinen, Gotteshäusern… und Riten – Riten, welche Könige zu Göttern und Mönche zu Dämonen verwandelten.

Ganz besonders zog mich ein Ritual in seinen Bann – das Necronomicon. Eine uralte Zeremonie, die angeblich den Tod überlisten konnte. Die morbide Neugier, die mich überkam, war stark. Zu stark. Ich musste es versuchen, trotz der dunklen Warnungen und Begebenheiten, die in dem Buch geschildert waren.

Das Ritual erforderte bestimmte Symbole, Rauchwerk und eine mitternächtliche Stunde. Mit all diesen Dingen ausgerüstet, stellte ich mich der Herausforderung. Ich begann die Räucherpaste zu entzünden. Sanfter Weihrauchduft durchdrang die Zimmerluft, vermischt mit dem knackigen Geräusch des verbrennenden Holzes. Ich begann die alten Worte zu rezitieren, welche in dem Buch in fast verwischter Tinte gedruckt waren. Der Raum schien zu erzittern, die Uhr schlug 12 und die Kerzen, die ich platziert hatte, begannen unkontrolliert zu flackern.

Ein Schatten, der größer als jeder Mensch sein könnte, schälte sich aus der Dunkelheit hervor, formte eine beinahe menschliche Gestalt und blieb mir gegenüber stehen. Es sprach keine Worte, bewegte sich nicht. Doch ich fühlte seinen Blick auf mir, eiskalt und kreischend. Mir wurde schwindelig, der Atem stockte. Mein Herz raste wie wild, als ich gerade in Ohnmacht fiel, verschwand die Präsenz.

In den folgenden Tagen sah ich es überall. Jede Spiegelung, jeder dunkle Winkel, jede Ecke meines Auges – es war immer da, lauernd und beobachtend. Dinge verschwanden oder tauchten plötzlich an den merkwürdigsten Orten auf. Die Nächte waren am schlimmsten. Dunkelheit und Stille boten optimale Bedingungen für meine unbekannte Angst. Die dunklen Schatten, die ich jede Nacht sah, hauchten Worte ins Ohr, die keinen Sinn ergaben. Sie stahlen sogar meinen Schlaf.

Ich durchsuchte das Buch erneut, suchte nach einer Lösung. Nichts. Es war, als wäre der Text verschwunden, als hätte das Buch nie existiert. Ich ging zur Bibliothek, durchsuchte die Regale, fragte die Bibliothekare. Keiner hatte jemals von einem solchen Buch gehört.

Nun sitze ich hier, eingesperrt in meinem Studentenwohnheim. Draußen lachen die Menschen, und ich bin hier drinnen gefangen, ständig in der Dunkelheit, unfähig zu schlafen. Ich frage mich jeden Abend, ob es jemals aufhören wird. Ob es eine Lösung gibt, die ich übersehen habe. Und während meine Gedanken immer tiefer in diese beklemmende Dunkelheit abrutschen, bemerke ich mal wieder, dass es Zeit ist, das Licht anzuschalten. Doch die Dunkelheit bleibt. Genauso wie der Schatten, der in der Ecke meines Zimmers lauert.

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