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Vergessener Fluch

Vergessener Fluch

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Zain stand inmitten der Dunkelheit seines kaum beleuchteten Zimmers. Er blickte auf sein Smartphone, das ungewöhnlicherweise eine Nachricht von einer unbekannten Nummer anzeigte. „Hüte Dich vor dem Fluch, den Du vergessen hast.“ Logisch, dachte er, assoziierte den anonymen Text mit einem Spam oder einem dämlichen Horror-Spiel mit zu aggressivem Marketing.

Autoscheinwerfer fielen durch sein Fenster und erhellten kurz den Raum. Im flüchtigen Schein wurde eine seltsame, dunkle Schattengestalt sichtbar. Als das Licht erlosch, verschwand auch die Figur. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Er legte sein Smartphone weg und warf einen Blick durch das Fenster auf die leere Straße. Es war nur seine Einbildung, redete er sich ein.

Die nächsten Tage verliefen ohne Vorfälle. Keine weitere anonyme Nachricht. Keine dunklen Schatten im flackernden Licht. Doch etwas veränderte sich in Zain. Sein Schlaf wurde unruhiger, er erwachte oft schweißgebadet mit eigentümlichen Bildern in seinem Kopf, zu diffus, um sie genau zu beschreiben. Ein unbehaglicher Nebel hing in seinen Gedanken, ein Flüstern, das er nicht ganz zuordnen konnte.

Besorgt wegen seiner Schlafstörungen, besuchte er eine Sleep-Tracker App, die seine REM-Phasen und Schnarchgeräusche aufzeichnete. Die ersten Aufnahmen waren normal: sein tiefes Atmen und gelegentliches Umdrehen. Doch dann hörte er etwas Beunruhigendes. Jemand flüsterte seinen Namen. Die Stimme war nicht seine, sie klang alt und rau, verbunden mit einem kalten Lachen, das jeden Raum in seinem Körper mit Eis füllte. War dieses Murmeln das Flüstern, das er tagsüber nicht zuordnen konnte?

Zain sah sich nach einer rationalen Erklärung um, aber fand keine. Er wusste, dass der menschliche Verstand zu Schabernack fähig ist, besonders wenn er erschöpft und überanstrengt ist. Aber eine solche Stimme zu erfinden, fühlte sich zu real an. Mehr noch, es fühlte sich bekannt an, wie aus einer Erinnerung, die er tief vergraben hatte.

Angst ergriff ihn, als er die letzte Nachricht wieder spielte. „Hüte Dich vor dem Fluch, den Du vergessen hast.“ Was war dieser Fluch? Seine verwirrten Gedanken trieben ihn dazu, tief in seine Vergangenheit einzutauchen. War da etwas, das er vergessen hatte? Eine Branche der Familienfehde, eine dunkle Praxis, zu der er geblendet hatte? Er erinnerte sich an seine Großmutter, die seltsame Rituale durchführte und Worte in einer fremden Sprache murmelte. Hatte sie ihm einen Fluch aufgelegt?

Zain war verwundert, dass er selbst jetzt, in seiner Verzweiflung, an so etwas Düsteres und Übernatürliches dachte. Doch der unbezwingbare Schatten, der über sein Leben geworfen wurde, machte ihn hilflos. Er wusste nicht, wovor er Angst haben sollte. Die Dunkelheit um ihn herum oder die Dunkelheit, die sich in seinem Kopf ausbreitete. Hatte der vergessene Fluch begonnen, sein Leben zu übernehmen oder spielte seine eigene Psyche einen üblen Streich mit ihm?

Welch grausamer Fluch wäre so mächtig, dass er nicht nur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stehlen, sondern auch die Grenze zwischen Realität und Einbildung verwischen kann? Wie sollte er kämpfen, wenn er nicht einmal sicher war, gegen wen oder was? Die Botschaft blieb unklar, seine Fragen unbeantwortet. Beunruhigt, verwirrt und von überwältigender Angst getrieben, blieb Zain in dieser lähmenden Dunkelheit zurück, in der die Grenzen zwischen Realität und Schrecken verschwommen, und der Fluch der Vergessenheit ihn in seinen Bann zog.

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