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Das Geheimnis der verbotenen Bücher

Das Geheimnis der verbotenen Bücher

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Es war ein stürmischer Tag, als Jasper den unauffälligen Buchladen an der Ecke entdeckte. Der Laden hatte etwas Anziehendes und Mysteriöses. Ein Schild am Eingang, das mit altertümlicher Schrift „Verbotene Bücher“ zum Verkauf anbot, erweckte Jaspers Aufmerksamkeit und Neugier.

Er trat ein und eine Glocke klingelte über seinem Kopf, ihr Klang schien den Raum zu erfüllen. Jaspers Blick schweifte über die langen Reihen vergilbter Bücher, die bis auf den letzten Platz vollgestopft waren. Der Geruch von altem Papier und moschusartigem Leder hing in der Luft und tauchte den Raum in eine fremdartige Atmosphäre.

Ein rissiger alter Mann humpelte aus den Schatten und grüßte ihn mit einem kaum sichtbaren Nicken. Jasper wanderte inmitten der Bücher und stieß auf eine verschlossene Tür, die mit schweren Ketten und Vorhängeschlössern gesichert war. Mit einem kryptischen Lächeln gab der Alte Jasper einen Schlüssel und sagte zu ihm: „Du darfst, aber nimm dir vor dem Buch ‚Die Nacht der Seelen‘ in acht.“

Gespannt und ein wenig ängstlich betrat Jasper den Raum hinter der Tür, der offensichtlich nicht seit Jahren gereinigt worden war. Überall lagen Bücher, beschichtet mit Staub und Spinnweben. Eines davon stach ihm ins Auge, ein schwarz gebundenes Buch mit der Aufschrift ‚Die Nacht der Seelen‘.

Gegen den Rat des alten Mannes nahm Jasper das Buch heraus und begann zu lesen. Schon die erste Seite fesselte ihn mit der Erzählung von Seelen, die zu Unsterblichkeit verdammt waren und nachts durch die dunklen Gassen einer verlorenen Stadt streiften. Ihre traurigen Geschichten und verlorenen Träume schienen aus dem Text herauszuspringen, Jasper konnte fast ihre Seufzer hören, das Echo ihrer einst lebendigen Herzen.

Nach und nach ging die Welt um ihn herum verloren. Der Buchladen verschwand und vor ihm standen die verdunkelten Straßen, die er gerade im Buch gelesen hatte. Schatten bewegten sich in den Gassen, Geister einer längst vergessenen Zeit, die ihn mit traurigen Augen ansahen, gebannt in einer Welt zwischen Leben und Legende.

Ein Gefühl der Furcht durchlief seine Adern, aber er konnte nicht aufhören zu lesen. Mit jedem Kapitel wurde er tiefer und tiefer in das Buch hineingezogen, bis er merkte, dass er selbst ein Teil der Geschichte wurde. Die Welten verschmolzen miteinander, und zum ersten Mal verstand er, was der alte Mann gemeint hatte.

Er wollte den Raum verlassen, aber alle seine Versuche scheiterten. Das Buch hatte ihn vollkommen in seinen Bann gezogen. Panisch sah er auf die Straßen, konnte nur noch die Stille und die peinigenden Schreie der Seelen hören. Als er das Buch schließen wollte, bemerkte er eine blutige Inschrift im hinteren Teil des Buches: „Wer liest, bleibt für immer.“

In der Dunkelheit seines neuen Gefängnisses weinte er um sein verlorenes Leben. Doch seine Tränen gaben den Geistern eine Stimme, ließen sie aus ihren Ketten ausbrechen, um zu wüten und zu leiden. Und da war er, gefangen in einem verfluchten Buch, dessen Seiten sein neues Zuhause, seine neue Wirklichkeit waren.

So verblieb er, zwischen den Zeilen der verbotenen Bücher, gefangen in einem Leben, das nun nicht mehr ihm gehörte. Das war der Preis für seine Neugier, sein Schicksal, seine ewige Verdammnis.

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