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Das Echo im Eis

Das Echo im Eis

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Es gab eine Legende in der Stadt von einem zugefrorenen See, der jedes Jahr am ersten Wintertag diejenigen lockte, die mutig oder fahrlässig genug waren, sich auf sein vermeintlich sicheres Eis zu wagen. Der Name des Sees war schon längst vergessen, und die Einheimischen nannten ihn einfach ‚Echo See‘, denn sie behaupteten, dass jedes Wort, das auf dem Eis gesprochen wurde, in seiner Tiefe widerhallte.

Ein mutiger Teenager namens Jake hatte von diesem See gehört und wollte das bizarre Phänomen selbst erleben. Begleitet von seinen Freunden, betrat er das Eis, das knisternd unter den Stiefeln nachgab. Sie stellten fest, dass das Geräusch, das sie machten, auf eine unnatürliche Weise zurückwarf und sich in der stillen frostigen Luft ausbreitete. Sie lachten, lästerten und riefen in die Winternacht hinaus, erfreuten sich am Echo, das scheinbar aus der endlosen Dunkelheit unter ihnen zurückprallte.

Aber als sie lärmend und spielend auf das Eis trampelten, bemerkten sie nicht, dass das Echo immer länger brauchte, um zu antworten und seine Tonlage veränderte, eine Färbung annahm, die beinahe… menschlich klang. Die Gänsehaut breitete sich auf Jakes Haut aus, als er realisierte, dass das Echo nicht ihre Stimmen wiederholte, sondern antwortete.

In diesem Moment, fast hypnotisiert von der Klangveränderung, rief Jake seinen eigenen Namen in die Finsternis unter seinen Füßen und lauschte gespannt auf die Antwort. Die Zeit schien stehen zu bleiben, während das Echo, das zurückkam, nicht seine Stimme war, sondern eine flüsternähnliche Nachahmung: ‚Jake.‘ Es hallte durch die kalte Nachtluft, zeichnete groteske Formen in den blanken Schnee und ließ die Gruppe in starrer Angst erstarren.

Entsetzen überkam Jake, während die anderen vor Schreck stumm blieben. Er starrte auf das glitzernde Eis unter seinen Füßen und erkannte etwas Dunkles, das sich darunter bewegte. Er konnte das schwache Flimmern von etwas wie einem Gesicht erkennen, bleich und unmenschlich, mit einem grausamen Lächeln, das seinen Namen in die Kälte des Winters flüsterte.

Das nächste Geräusch, das die Angst gelähmte Stille zerschnitt, war das Knistern des Eises. Sie konnten alle zusehen, wie das Eis unter Jake zu brechen begann und das Gesicht darunter ihn verzweifelt anstarrte. Jake war nicht in der Lage, sich zu bewegen oder um Hilfe zu schreien, bis das Eis komplett nachgab und er in die eisige Dunkelheit gezogen wurde.

Seine Freunde standen da, geschockt und unfähig zu handeln, als Jake vor ihren Augen im See verschwand, sein stummer Schrei noch immer auf ihren Lippen. Sie rannten so schnell sie konnten, fort von dem verfluchten Ort und erzählten später jedem, der hören wollte, von dem unerklärlichen Verschwinden ihres Freundes.

Seither gehen die Menschen in der Stadt an trüben Wintertagen nie nahe an den Echo See. Sie sprechen von dem Echo, das mehr als nur Widerhall ist. Und von dem dunklen, lachenden Gesicht im Eis, das auf seinen nächsten, ahnungslosen Besucher wartet.

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