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Schrecken der Tiefe

Schrecken der Tiefe

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Abermals riss ein beängstigender Schrei die knisternde Stille der Nacht. In der Ferne schlugen die Wellen gnadenlos gegen die Klippen, doch dieses Geräusch konnte den blutdurchdringenden Schrei dieses namenlosen Ungeheuers nicht übertönen.

Die Leuchtturmwärterin, Alina, eine junge Frau, starrte in die Dunkelheit, ihr Herz schlug wie ein wilder Hirsch. Von dem gemütlichen Leuchtturm, ihrem zu Hause seit mehreren Jahren, ging sie hinaus auf die verwitterte Steinklippe. Dunkelheit herrschte, nur der Schein des Leuchtturms durchschnitt sie hin und wieder.

Das Ungeheuer, von dem die Einheimischen oft sprachen und ihre Kinder mit Geschichten davon einschüchterten, war bisher nur Legende gewesen. Doch in diesem Moment war es so real wie die Furcht, die tief in Alinas Herz eingegraben war. Ihr Atem beschleunigte, Adrenalin floss durch ihre Adern – sie wusste, dass sie allein war. Allein mit dem Ungeheuer.

Plötzlich durchschnitt eine Bewegung die dunklen Wellen. Etwas tauchte auf, größer als jeder Wal, größer als jedes Schiff. Ein leuchtendes Auge, monströs und frostig, musterte sie. Sie erstarrte. Es bohrte sich in ihre Seele, ein Opfer suchend. Sie nahm schier ihren eigenen Tod vorweg. Aber die furchterregende Gestalt machte keine Anstalten ihr Schaden zuzufügen, es beäugte sie nur. Dann, in einer abrupten Bewegung, verschwand es – und die Dunkelheit nahm es auf.

Das war der Moment, als Alina wusste – sie würde dieser Bestie gegenüberstehen, egal was es kostete. Sie holte tief Luft und stieg in ihr kleines Boot – das Meer langsam hintersichlassend. Sie starrte in die Wellen, die still und ruhig waren, kein Zeichen von dem Ungeheuer.

Mit einem lauten Platschen brach das Ungeheuer an die Oberfläche. Ihre Augen trafen sich erneut. Dieses Mal jedoch, erstarrte nicht nur Alina. Auch das Ungeheuer schien innezuhalten, sein einziges leuchtendes Auge zeigte nicht Furcht, aber eine Art Respekt. Es hatte noch nie eine Begegnung wie diese erlebt.

Wie in Zeitlupe sank das Monster wieder unter die Oberfläche, Alinas Blickkontakt dabei nicht ausweichend. Die Wellen, die sein Abtauchen verursachte, ließen Alinas Boot schaukeln. Aber Angst? Die fühlte sie nicht. Ein Gefühl der Ruhe überkam sie, Demut gegenüber der mächtigen Kreatur, die gerade in die Tiefe zurückgekehrt ist.

Die folgenden Nächte folgte kein Schrei mehr. Das Ungeheuer schwamm um den Leuchtturm herum, sein Auge immer auf den Turm gerichtet. Zufrieden zündete Alina die Lampe an, das Licht durchbrach die Dunkelheit und der Leuchtturm führte nicht nur Schiffe sicher an Land. In dieser Nacht führte er auch ein altes Ungeheuer durch die Dunkelheit, das sich nicht länger verstecken musste.

Woraus bestand das Ungeheuer? Aus der Dunkelheit, der Tiefe? Oder aus der menschlichen Furcht vor Unbekanntem? Eine Frage, die noch immer im Leuchtturm hängt und in Alinas Herz wiederhallt, als sie den Blick auf die dunklen Wellen richtet, die leuchtenden Augen, die aus der Tiefe zurückstarren.

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