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Nebel über dem Moor

Nebel über dem Moor

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Sie nannten es das „Smoky Moor“, ein ausgedehntes Feuchtgebiet am Rande der Kleinstadt Crestwood. Hier und da sah man kleine weiße sternblumenähnliche Blüten, die sich sanft im Wind wiegten. Dies war jedoch nicht das Merkwürdige an diesem Ort. Es war der Nebel, der jeden Abend über das Moor kroch, zähflüssig und unheilvoll.

Ricky, ein junger Bewohner von Crestwood, war fasziniert vom Smoky Moor. Die Geschichten darüber reichten bis in seine Kindheit zurück. Alte Sagen von Geistern, die im Nebel wandelten, von Menschen, die in das Moor hinausgingen, um nie wieder zurückzukehren. Einige nannten es einen Aberglauben, aber Ricky fürchtete und respektierte diese Geschichten.

Eines Abends, während die Sonne unterging und ein kräftiger Wind die Bäume biegen und stöhnen ließ, beschloss er, sich dem Moor zu nähern. Ricky betrat das Feuchtgebiet, den eindringlichen Wind, der durch seine Haare wehte und die Fragmente des Nebels mit sich trug. Mit jeder Minute wurde der Kältegriff des Moors und die Dunkelheit stärker.

Anfangs hörte er nur das Plätschern des Wassers und das Heulen des Windes. Aber bald meldeten seine Ohren andere Geräusche. Flüstern, Wispern, ein Wimmern. Die Geräusche waren getragen von einer tiefen Melancholie und klangen menschlich, doch zu verzerrt und unwirklich für einen irdischen Ursprung. Ricky fühlte eine Kälte, die tiefer ging als jede Winternacht.

Auf einmal schien es ihm, als würde eine Figur im Nebel erscheinen. Sie war hager und dehnte sich in ungefähr menschlicher Gestalt aus, resigniert hängend zwischen Himmel und Erde. Noch bevor Ricky reagieren konnte, fühlte er sich in den kühlen Griff einer eiskalten Hand gezogen.

Ricky schrie, doch der schrille Ton seiner eigenen Furcht schien vom undurchdringlichen Nebel verschluckt zu werden. Seine Beine verweigerten den Dienst und er fiel hart auf den feuchten Untergrund. Als er schließlich den Mut fand, aufzusehen, war die Gestalt verschwunden, zurückgezogen in die Tiefen des Nebels.

Er packte seine Sachen und rannte so schnell er konnte aus dem Moor. Die Nacht zog sich endlos hin, bis er schließlich die Lichter von Crestwood sah. Ausgezehrt und völlig entkräftet erreichte er zu Hause.

Von jenem Tag an mied Ricky das Moor. Er traute sich nicht mehr, auch nur in die Nähe des furchterregenden Feuchtbiotops zu gehen. Die Geräusche, die er in jener Nacht gehört hatte, verfolgten ihn noch in seinen Träumen. Nichts war mehr wie zuvor.

Ironie des Schicksals, Ricky wurde zum Verwalter von Crestwood ernannt. Jeden Abend musste er vom Rathausfenster aus zusehen, wie der Nebel über dem Moor sich ausbreitete. Der Anblick des Nebels, der sich langsam über die Landschaft bewegte, ließ ihn jedes Mal erschauern und erinnerte ihn an die Entität, die er an jenem Abend getroffen hatte.

Es war ein steter Kampf zwischen Faszination und Furcht. Der Nebel bot ihm ein Geheimnis an, das er niemals enthüllen konnte, und eine Furcht, die er niemals vergessen würde. So bleibt das Smoky Moor eine Legende, die im Herzen von Crestwood weiterlebt und Schauer über die Rücken der Bewohner jagt, während sie in die immerwährende Nacht eintauchen. Ein Nebel zieht auf und das Flüstern beginnt von Neuem.

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