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Das Lied der Dunkelheit

Das Lied der Dunkelheit

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Die letzte Note des Violinenspiels hallte durch die Nacht und löste hinter sich eine Symphonie des Schreckens aus. Die Melodie klang schwermütig und dennoch schön, von den warmen Lichtern der städtischen Nachtleben zu den einsamen Wäldern, die die Stadtrand umarmten. Niemand wusste genau, wo die Musik herkam, oder warum sie spielte, aber sie war da, jedes Mal, wenn die Uhr Mitternacht schlug.

In jener Nacht, als Zach auf seiner Couch saß, seine Kopfhörer vollgestopft mit dem neuesten Hit, war er nicht darauf vorbereitet, seinem Schicksal zu begegnen. Eine kurze Pause in seiner Playlist gab der Melodie genug Zeit, um sich in sein Bewusstsein einzuschleusen. Es war ein Klang, der ihn auf einen tief greifenden, tropischen Weg zog, die Arrangements waren einfach zu hypnotisch und zu fesselnd, um sie zu ignorieren. Er nahm die Kopfhörer ab, und das Lied der Dunkelheit füllte seine Ohren.

Draußen zwitscherten die Vögel nicht, die Blätter rauschten nicht gegen den Wind, und die belebten Straßenlärm hatten einer fast unheimlichen Stille Platz gemacht. Alles, was Zack hören konnte, war die Violinen-Melodie, die irgendwo in der Dunkelheit spielte. Neugier erwachte in seinem Inneren. Langsam stieg er von der Couch, zog seine Jacke an und verließ die Wohnung, getrieben von dem Wunsch, den Ursprung dieses verblassten Geräusches zu finden.

Die Straßen waren leer, aber das hielt ihn nicht zurück, er folgte diesem Geräusch tiefer und tiefer in die städtische Wildnis. Der Nachtwind trug die Melodie in Wellen, führt ihn durch dunkle Ecken und verlassene Orte, die er vorher nie gesehen hatte. In seinem Herzen wuchs eine kühle Angst, aber die Faszination überwog. Die Melodie, obwohl gleichbleibend, änderte irgendwie den Klang, bei jedem Takt, kam ein Hauch Kälte hinzu, bei jedem Schritt, spürte Zack, als würde seine persönliche Verbindung zu dieser Welt schwächer werden. Dennoch konnte er nicht umkehren.

Endlich kam er an, inmitten einer verwesten industriellen Ruine. Die Violinen-Melodie verschwand, als ob sie ihn an diesen Ort gelockt hätte und dann verschwinden würde. Das Gefühl von spitzer Kälte ließ ihn schaudern. In der Mitte der Ruine stand ein alter, rostiger Stuhl, auf dem eine alte, zerbrechliche Violine lag. Es war kein Musiker zu sehen.

Sobald er die Geige betrachtete, spürte er eine seltsame Verbundenheit, als ob es erwartet hatte, gefunden zu werden. Zack griff danach, und sofort erfüllte die dunkle Melodie wieder die Luft. Seine Finger bewegten sich von alleine, tanzten über die Saiten und erzeugten eine harmonische Dunkelheit. Er wollte aufhören, konnte aber nicht. Die Musik hatte ihm den Willen genommen. Ein dunkler Nebel umhüllte ihn, und die Dunkelheit sog ihn tiefer hinein.

Das Lied begann erneut um Mitternacht, eine schwermütige Symphonie, die durch die dunkle Nacht trauerte. Einer nach dem anderen standen Leute auf und folgten der Musik. Sie kamen und fanden nur eine Violine und den verwesten industriellen Raum. Einer nach dem anderen, spielten sie das Lied der Dunkelheit und verschwanden, nicht mehr in der Lage, den süßen Reizen der Melodie zu widerstehen.

Zack wurde nie wieder gesehen. Doch jedes Mal, wenn das Lied der Dunkelheit ertönt, erinnern sich die Leute an seine Geschichte und fürchten sich. Niemand wusste, was das Lied antrieb, oder wer die nächsten Opfer sein würden. Aber alle wussten, dass es weiter gespielt würde, solange die Dunkelheit die Nacht beherrschte. Denn das ist das Lied der Dunkelheit – süß, fesselnd, tragisch unbestimmbar. Und es wartet. Immer wartend auf den nächsten, der den Lied hört.

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