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Das Haus am Ende der Welt

Das Haus am Ende der Welt

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Anna erhielt eine alte, heruntergekommene Hütte von einer unbekannten Alt-Tante als Erbschaft und beschloss, einen Blick darauf zu werfen. Vielleicht ließe sie sich verkaufen. Die Cottagehaus kreischte Dia-Show- Szenen aus vergangenen Zeiten, als sie vorsichtig die knarzende Holztür zur Seite schob.

In den verstaubten Räumen fand sie alte Bücher, seltene Artefakte und merkwürdig zischende Kamine. Eine merkwürdige Kälte umgab das Haus, selbst an diesem lauen Sommertag.

Fotografien alter Ehepaare hingen von den Wänden, deren Augen sie auf unerklärliche Weise verfolgten. In dem knochentrockenen Buch auf dem Kaminsims fand sie Tagebucheinträge ihres Urgroßvaters. Er hatte das Haus gebaut; der letzte Ort bevor die Wildnis begann.

Ein Eintrag las: „Die Dinge scheinen sich hier zu bewegen, wenn ich nicht hinschaue. Ich spüre Augen auf mir, in den dunkelsten Ecken des Hauses. Es kommt immer näher. Ich weiß nicht, wie lange ich…“, der Eintrag endete da.

Sie schlief in diesem merkwürdigen Haus, umgeben von flackernden Kerzen, die Schatten gegen die alten Wände warfen. Doch in der Dunkelheit hörte sie Geräusche, flüsterte Stimmen wie ein Chor der Toten. Sie kauerten in den Ecken und kicherten, während sie vor Angst zitterte.

Doch was das alten Gemäuer wirklich einzigartig machte, war der riesige Spiegel, der einen ganzen Raum einnahm. Da sich der Tag dem Ende zuneigte, beobachtete Anna, wie sich die Sonne in diesem obsidianfarbenen Spiegel verfing und verblasste.

Plötzlich hörte sie ein scharfes Flüstern, das ihren Namen rief. Sie sah schockiert zu, wie der Spiegel sich wandelte. Ihre Spiegelung verschwand und dafür tauchte schreckliche Kreaturen auf. Es waren verdrehte, verkrüppelte Schatten, deren Augen rot leuchteten und mit Scharfszähnen auffällige Grinsen hatten.

Sie griff nach etwas, um sich zu verteidigen, und fand den Hammer, der sich in der Schublade eines alten Schreibtisches versteckt hatte. Mit einer verzweifelten Geste der Furcht und Entschlossenheit schwang sie es und der Spiegel zerstückelte in Scherben.

Aber als der Spiegel zerbrach, stöhnte das Haus. Das Kichern aus den Ecken verstummte. Und dann – Freiheit. Es war, als ob mit dem zerbrochenen Spiegel alle Gespenster freigelassen wurden. Sie sah die Gestalten durch das Haus streifen, ihre schattenhaften Formen waren überall sichtbar.

Sie verließ das Haus in der Dunkelheit der Nacht, rannte so schnell sie konnte, und sah dabei immer wieder zurück. Als sie an der Schwelle des Waldes ankam, sah sie es. Das Haus, durchdrungen von einem unirdischen Licht, scheint zu leben. Und im Lichtschein ragte der wiederhergestellte Spiegel auf, hell und unzerbrochen, als ob er die Seelen, die er gefangen hielt, wieder zurückrief.

Im Licht der Morgendämmerung lag das Haus ruhig und still, kein Schatten tauchte auf. Nur der unheimliche Spiegel, unzerbrochen und verschönert durch das aufkommende Sonnenlicht. Ein Geheimnis, verborgen in der Flatlands, wartet darauf, wieder entdeckt zu werden.

Noch heute erzählt man sich die Legende vom Haus am Ende der Welt – das Haus, das man beträufelt, aber nie betritt. Ein Spiegel der Alpträume, ein Gefängnis für die Geister der Vergangenheit. Eine stumme Warnung vor den Gefahren der Neugier und der dunklen Geheimnisse, die auf uns lauern, wenn wir es wagen, sie heraufzubeschwören.

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