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Das Erbe der Hexen

Das Erbe der Hexen

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Es war ein Tag wie jeder andere im beschaulichen Städtchen Willow Creek, als die Eltern der 16-jährigen Mia auf mysteriöse Weise verschwanden. Das merkwürdige Verschwinden beraubte die Teenagerin aller gewohnten Normalitäten, und ließ sie bei ihrer exzentrischen Großmutter unterkommen, die an den Stadtrand von Willow Creek verbannt worden war.

Großmutter Alvina lebte in einem baufälligen, alten Backsteinhaus, das von knorrigen Bäumen eingerahmt wurde und scheinbar ständig von dem fahlen Schein eines Vollmondes beflutet wurde. Der Garten war bewachsen mit seltsamen Pflanzen, die Alvina in mondhellen Nächten mit einer seltsamen Inbrunst pflegte.

Die ersten Tage bei Alvina waren ein verstörendes Durcheinander aus merkwürdigen Ritualen und unerklärlichen Phänomenen: Schatten, die sich von selbst bewegten, Gegenstände, die ohne erkennbare Ursache fielen und Alvina, die nachts leise in einer alten, vergessenen Sprache murmelte.

Am fünften Tag präsentierte Alvina Mia schließlich ein altes, verstaubtes Buch mit ledergebundenem Einband: „Das ist das Hexenbuch unserer Familie“, erklärte sie. Sie ging auf Mias verwirrten Blick ein: „Wir stammen von einer Linie mächtiger Hexen ab. Unsere Vorfahrinnen wurden auf Scheiterhaufen zu Asche verbrannt, aber ihr Wissen und ihre Macht leben in uns weiter.“

Anfangs weigerte sich Mia, diesen Wahnsinn zu akzeptieren, doch als Alvina ihr zeigte, wie man das unablässige Summen in ihren Ohren in Flüstern uralter Ahnen verwandeln konnte, wie sie die Schatten befehligen und Dinge mit der Kraft ihres Geistes bewegen konnte, konnte sie nicht länger leugnen, was in ihrem Blut lag.

Das Geheimnis ihrer Macht war berauschend. Sie lernte, wie man Heilmittel aus den seltsamen Pflanzen in Alvinas Garten braute und wie ihre Ahnen Visionen lasen. Bis eines Nachts, während des Beschwörens der Ahnen, ein unheilvolles Pressegefu¨hl sie umnebelte. Die sanften Stimmen ihres Stammbaums wurden zu gellenden Schreien, und eine kalte Stimme flüsterte: „Die Schulden werden eingetrieben.“

Am nächsten Morgen fand Mia ihre Großmutter kalt und leblos auf dem Holzboden ihres Hexenzimmers. Die Warnung der Ahnen hallte noch in ihrem Kopf nach. Panik ergriff sie. War dies das Schicksal aller Hexen ihrer Linie? Würde sie die nächste sein? Was genau hatte Alvina eingefordert, was die Ahnen nun zurückforderten? Die Fragen hingen schwer in der kalten Morgenluft. Weder das alte Hexenbuch noch das Flüstern der Ahnen lieferte Antworten.

Nun allein, in einem Haus, das von Geistern vergangener Hexen bewohnt wurde, blieb Mia zurück – verwirrt, verängstigt, aber entschlossen, das Rätsel zu lösen. Und irgendwo im Hinterkopf, der unablässige Drang, diese neu entdeckte Macht nicht verkommen zu lassen. Ja, das Erbe war düster und gefährlich … aber es war auch Macht. Unvorstellbare Macht.

Aber zu welchem Preis?

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